"Infotainment pur" zu einem heißen Thema

30.08.2012

"Die Meinungen zur Bewältigung der Euro- und Finanzkrise konnten kaum gegensätzlicher sein, die MdB Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD), der ehemalige Investmentbanker Thorsten Schulte, Club-Präsident Heinz Harling als Unternehmer und Lippewelle-Chefredakteur Gerd Heistermann als zuspitzend kommentierender Moderator am Dienstagabend im voll besetzten Wintergarten des Stuniken-Clubs vermittelten.

Das war mehr als eine lebhafte Podiumsdiskussion; Das war Infotainment pur, wenn vor allem Wiefelspütz und Schulte in Wortgefechten aneinander gerieten: Schulte als „Extremist“, so Wiefelspütz’ Vorwurf, mit unkonventionellen Ideen und düsteren Zukunftsprognosen; Wiefelspütz als Politiker, der „systemimmanent“ und „Schritt für Schritt“ den Finanz- und vor allem Bankensektor wieder auf den richtigen Weg bringen will.

Dabei lobte Wiefelspütz – als einziger an dem Abend – Angela Merkel: „Die Bundeskanzlerin macht einen ordentlichen Job“, zumal es keine Patentrezepte gebe, so die ausweichende Haltung des SPD-Politikers. Immerhin räumte er ein, dass der Geldmarkt aus dem Ruder gelaufen ist: „Es haben sich Entwicklungen ergeben, die in Ordnung gebracht werden müssen.“ Auf welchem Weg, das ließ Wiefelspütz offen. Er vertrat allerdings die Meinung, dass auch bei Banken „Pleiten“ möglich sein sollten.

Offensiver ging Schulte vor: Auch für ihn wäre es das Schlimmste, „wenn uns der Euro um die Ohren fliegt“. Dennoch sieht er – ebenso wie Harling – die Entkoppelung des Geldwertes vom Goldwert als gravierenden Fehler an. Daraus resultiere die „Papiergeld-Blase“, die immer weiter aufgebläht werde. Als Beispiele nannte Schulte zahlreiche Daten und Fakten – wenn beispielsweise Notenbanken Anleihen aufkaufen. „Wenn wir nichts unternehmen, riskieren wir in den nächsten drei Monaten eine noch größere Finanzkrise als 2008“, prophezeite Schulte. In der Konsequenz gebe es drei Möglichkeiten: Schuldenschnitt, deflationäre Krise oder Inflation.

Heistermanns Frage, ob die Sparpolitik zu spät komme, relativierte Harling: Ein Unternehmen müsse immer investieren. „Durch die Sparpolitik kaufen wir uns nur Zeit, aber in dieser gekauften Zeit wird viel zu wenig gemacht.“ Harling sprach sich dafür aus, dass Europa ein Land wie Griechenland, „bei dem es nicht mehr geht“, in die Insolvenz entlassen müsse. Außerdem prangerte er „perverse“ Handelsstrategien an der Börse an, die unterbunden werden müssten.

Wiefelspütz sprach sich abschließend für eine gemeinsame Wirtschafts- und Haushaltspolitik in Europa aus – und dafür, zweierlei zu tun: „Sparen und Investieren.“ Wie das funktionieren soll, sorgte noch für einige Diskussion im Publikum."


Autor: Gisbert Sander, Westfälischer Anzeiger
Foto: Robert Szkudlarek, Westfälischer Anzeiger